Wenn meine Eltern von ihrer Schulzeit erzählten, dann wollte ich es nicht glauben, dass oft 40 oder mehr Kinder in einer Klasse waren. Noch weniger konnte ich mir vorstellen, dass an Schulen in ländlicher Gegend alle Jahrgänge von einem Lehrer gleichzeitig unterrichtet wurden.
Die Situation war sehr schwierig, so pflegten sie zu sagen, aber wir haben etwas gelernt.
Meine eigene Schulzeit in der Volkschule, die nicht weit von der Helmholtzstraße entfernt ist, war geprägt von einem Lehrer, dessen Strenge und Autorität oftmals Angst und Alpträume bei mir auslöste. Ich denke noch heute nicht gern an diese Zeit zurück.
Wenn Drill gleichzusetzen ist mit Lernen, dann hatte auch ich etwas gelernt.
Und heute? Es ist der Tag der Einschulung.
Es sind fast 30 Mädchen und Jungen, die mit gelber Mütze hinter ihrer Lehrerin am ersten Schultag in die Klasse gehen.
Melanie* ist noch fünf und wird erst im Dezember sechs Jahre alt. „Vorzeitig und auf Antrag“ heißt das in der Behördensprache und noch weitere vier Elternpaare haben diesen Antrag gestellt.
Anna* kann nicht nur ihren Namen schreiben, sie kennt schon alle Buchstaben und am liebsten leiht sie sich Bücher aus der Stadtbücherei aus. Zuletzt hat sie sich im Kindergarten nur gelangweilt.
Marina* spricht zu Hause mit ihren Eltern und Geschwistern russisch, aber die deutsche Sprache hat sie erst im Kindergarten beim Spielen mit anderen Kindern gelernt. Sie versteht noch nicht alles, aber sie kann gut zuhören. Sie hat ein wenig Angst, dass sie nicht gleich versteht, was gemacht werden soll.
Bei Saliha* besteht noch Förderbedarf in Deutsch als Zweitsprache, Elisabeth und André haben Defizite in audiovisueller Wahrnehmung und bei Patrick klappt es noch nicht so gut mit der Feinmotorik.
Die Untersuchung im Gesundheitsamt hatte erbracht, dass Sabine unbedingt vor Schulanfang noch eine Sprachtherapie bei einer Logopädin beginnen musste, da geht sie auch jetzt noch einmal in der Woche hin.
Julia*, Adin* und Jaqueline* kennen sich schon aus dem Kindergarten, Sie spielen gern zusammen, aber manchmal gibt es auch Streit, besonders, wenn zwei gegen eine stehen.
Bei zwei Jungen und einem Mädchen hatte der Sprachtest vor der Einschulung ergeben, dass sie erst noch einen Sprachförderkurs absolvieren müssen, damit ihnen der Schulstart leichter fällt.
Marios* Eltern würden ihr Kind am liebsten noch im Kindergarten belassen. Er ist noch so verspielt und kann sich überhaupt nicht länger auf eine Sache konzentrieren. Mario wird aber schon bald sieben Jahre alt. Seine älteren Geschwister hatten nie Probleme in der Schule.
Ümit* hat noch nie einen Kindergarten von innen gesehen. Er ist sehr zurückhaltend und verschüchtert. Er spricht kaum deutsch und wenn man ihn fragt, dann fängt er an zu weinen.
Florian* rechnet schon „Plus“ und „Minus“ bis 20, hat von seinen älteren Geschwistern alle Buchstaben gelernt und weiß eine Menge von seinem Hobby „Schach“ zu berichten.
Eigentlich sind sie alle verschieden, bis auf die gelbe Mütze und den Stolz heute ein richtiges Schulkind zu sein. Da sind sie alle gleich.
„Ich will etwas lernen, ob ich es schaffe?“ so lauten Vorsatz und leise Zweifel des Kindes. „Wird mein Kind seine Aufgaben meistern und mit Freude lernen?“, so fragen sich die Eltern. „Werde ich es schaffen, allen gerecht zuwerden?“, so denkt die Lehrerin an diesem so bedeutenden ersten Schultag.
Ein paar Wochen später:
Manche der Erstklässler tragen ihre gelbe Mütze noch voller Stolz, einige haben sie verloren, andere haben sie vergessen und wieder andere wollen sie nicht, denn es muss nicht jeder wissen, dass man ein Erstklässler ist. So viel zum Thema „Alle sind gleich“.
Heute in der ersten Stunde sind nicht alle Kinder der Klasse 1 auf dem Schulhof, denn es gibt in der Klasse mindestens sechs bis acht verschiedene Stundenpläne.
Saliha und Marina besuchen um 8.15 Uhr den Förderunterricht „Deutsch – Intensiv“ wie jeden Tag in der Woche und erweitern dort ihren deutschen Wortschatz. Der Unterricht orientiert sich sehr an den Inhalten der Fibel und denen des Sachunterrichts. Auch lernen sie hier miteinander auf Deutsch zu kommunizieren.
An zwei Tagen in der Woche kommt auch Ümit zur ersten Stunde, um mit der Sozialpädagogin und anderen Kindern seiner Jahrgangsstufe in einer kleinen Gruppe Bilder zu malen, Geschichten zu erzählen oder Mengen und Formen zu erkennen. Hier hat er schon große Fortschritte gemacht und auch in der Klasse meldet er sich jetzt öfter.
Mario arbeitet ebenso wie Patrick in einer Kleingruppe mit der Sozialpädagogin, aber ihre Förderstunden liegen an anderen Tagen. Die Materialien, mit denen gearbeitet wird, sind vielfältig und die Lehrerin kann sich intensiv um jedes Kind kümmern. Patrick erzählt stolz, dass seine Klassenlehrerin ihn vor Allen gelobt habe, weil er so sauber mit der Schere ausgeschnitten habe. Überhaupt scheint die „Droge Lob“ in jeder Art von Förderunterricht verabreicht zu werden. Ihr Vorteil ist, dass sie ein gutes Gefühl macht und außerdem in Fülle vorhanden ist.
Um 9 Uhr treffen sich alle Kinder der Klasse 1 in ihrem Klassenraum, da besprechen sie zuerst mit ihrer Klassenlehrerin den Tagesplan. Inzwischen kennen alle Kinder die Symbole für Rechnen, Schreiben, Lesen, Sport oder Hausaufgaben.
Anna freut sich, wenn Lesen an der Tafel steht, denn dann kommen ihre Mama und andere „Lesemütter“. Es gibt vier bis fünf Lesegruppen, die nach unterschiedlichem Niveau eingeteilt sind. In Annas Gruppe lesen sie gerade ein spannendes Abenteuerbuch. In einer anderen Gruppe lesen die Kinder Sätze in der Fibel oder lernen, wie man Laute miteinander verbindet.
Im Verlauf des Unterrichts kommen an diesem Morgen noch weitere Förderlehrer oder Förderlehrerinnen in die Klasse. Sie sind den Kindern so vertraut wie die Klassenlehrerin. Manchmal arbeiten sie mit Elisabeth und André der Klasse und helfen bei den Übungen oder sie sitzen schon mal mit ein oder zwei Kindern auf dem Flur oder im Nebenraum, damit die Arbeit in der Klasse nicht gestört wird. Wichtig ist, dass alle am gleichen Thema arbeiten. Viele Kinder entwickeln in diesen Unterrichtsphasen das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit schneller als im großen Klassenverband. Hier trauen sie sich einfach mehr zu und haben keine Angst vor Fehlern.
Weil die Helmholtzschule von der oberen Schulaufsichtsbehörde für einen Modellversuch ausgewählt wurde, erhalten die Kinder in der Schuleingangsphase noch eine zusätzliche Unterstützung durch eine Förderlehrerin aus dem Bereich der Förderpädagogik. Sie plant gemeinsam mit der Klassenlehrerin den Unterricht, entwirft Pläne zur Förderung, führt diese durch und überprüft deren Wirksamkeit. Davon profitieren unter anderen Sabine und die Kinder, bei denen im Sprachtest noch Defizite festgestellt wurden.
Florian muss sich nicht langweilen, wenn seine Mitschüler einfache Rechenaufgaben lösen. Er arbeitet im Förderraum mit einigen anderen zum Beispiel an mathematischen Lösungsstrategien. Mit dabei ist auch die erst fünfjährige Melanie, die schon weiß, dass die Summe gegenüberliegender Augen auf einem Würfel 7 ergibt. Deswegen kann sie auch das Spiel „50 und mehr verliert“ gegen Erwachsene gewinnen.
Um 12.50 Uhr ist heute der Unterricht für die meisten Kinder der Klasse beendet. Sie gehen in die Betreuung, essen dort zu Mittag und erledigen dann ihre Hausaufgaben. Ein paar bekommen Hilfestellung von den Erzieherinnen und einige sehen um 14 Uhr ihre Lehrerin wieder, die dann Tipps und Hinweise zu den Hausaufgaben geben kann.
Julia, Adin und Jaqueline gehen nicht in die Betreuung, sie haben noch eine Stunde bei ihre Klassenlehrerin. Sie lernen dort, was Freiarbeit bedeutet und begreifen allmählich, wie man ein Thema auswählt, sich die Zeit einteilt und Ziele selbst bestimmen und erreichen kann.
Schon jetzt ist ihnen klar, dass Arbeit in der Gruppe oder mit einem Partner gute Ergebnisse hervorbringt.
Die Kinder der Helmholtzschule sollen einmal sagen: Mit Hilfe der Lehrerinnen und Lehrer, mit der Unterstützung der Erzieherinnen und Erzieher, mit dem Vertrauen der Eltern und mit unserem eigenen Fleiß haben wir gelernt, Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit zu entwickeln, unsere Freude am Lernen zu erhalten und den Respekt vor dem anderen zu bewahren.
* Alle Namen sind zufällig ausgewählt